Innovationsstiftung Schleswig-Holstein

Zwei auf dem Weg zum Vorbild

Vor unserer Haustür wächst Energie. Biomasse – clever kombiniert mit weiteren regenerativen Energieträgern – kann fossile Brennstoffe vollständig ersetzen. In Schleswig-Holstein wollen die “AktivRegion Nordfriesland Nord“ und die “BioEnergie-Region Burg - St. Michaelisdonn“ ihren Bedarf an Wärme und Strom bald selbst über nachwachsende Rohstoffe erzeugen. Sie zählen zu den Siegern des Bundeswettbewerbs “Bioenergie-Regionen“ und haben jetzt die Zuwendungsbescheide über Fördergelder von bis zu 400.000 Euro vom Bund erhalten. Das Vorhaben “Null CO2” kann damit starten.

Hoch im Norden gibt man sich selbstbewusst. “Unsere Region hat sich zum Ziel gesetzt, die Nummer eins bei den erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein zu werden“, sagt Daniela Bauer. Sie ist in Südtondern, dem größten Amt Schleswig-Holsteins im Kreis Nordfriesland, für die Regionalentwicklung zuständig. Um eine gemeinsame Strategie zu verfolgen, hat sich Südtondern mit dem Amt Mittleres Nordfriesland und der Gemeinde Reußenköge zur “AktivRegion Nordfriesland Nord” verbunden. Fernab von Metropolen, im nordwestlichsten Zipfel Deutschlands, gilt es, mit Lebensqualität und regionalen Arbeitsplätzen dem demografischen Wandel zu begegnen. Die ländliche Region baut dabei vor allem auf eines: grüne Energie.

Insbesondere die Windkraft ist in Nordfriesland bereits heute ein ganz erheblicher Wirtschaftsfaktor. Knapp ein Zehntel des Gewerbesteueraufkommens im Kreisgebiet wird laut Bundesverband Windenergie von Windparkbetreibern gezahlt. Von Beginn der Entwicklung der Windenergie bis heute wurden mehr als 700 Millionen Euro investiert. Der Anteil von Bürgerwindparks liegt bei etwa 90 Prozent. Beteiligungsmodelle, mit denen Einheimische zu Windmüllern werden, wurden in Nordfriesland entwickelt und längst auch auf die Solarenergie übertragen. Sie sorgen heute für eine hohe Akzeptanz beider Energiearten in der Bevölkerung.

Die rund 20 Biogasanlagen in der Region Nordfriesland Nord werden meist von Landwirten betrieben. Überwiegend arbeiten die Anlagen mit einer Mischung aus Substrat und Gülle. Die Rohstoffe kommen aus der unmittelbaren Umgebung: Vom Acker zur Biogasanlage sind es gewöhnlich weniger als zehn Kilometer. Kritiklos ist die Biomassenutzung nicht: Akzeptanzprobleme gäbe es zum einen durch Geruchs- und Lärmbelästigungen, zum anderen durch erstärkten Anbau von Energiepflanzen, berichtet Daniela Bauer. “Wer in der Region unterwegs ist, so wird argumentiert, könne nicht mehr weiter schauen als bis zum nächsten Maisfeld.”

Solche Meinungen muss ernst nehmen, wer mit grüner Energie fossile Brennstoffe komplett ersetzen will. Nordfriesland Nord ist eine von zwei schleswig-holsteinischen Regionen, die vor Ort so viel Wärme und Strom aus regenerativen Energien produzieren wollen, wie in der Region verbraucht wird. Als Sieger im Wettbewerb “Bioenergie-Regionen” erhalten sie vom Bundesumweltministerium je bis zu 400.000 Euro – Geld, das nicht für Investitionen in Anlagen, sondern für Netzwerkbildung ausgegeben werden soll.

So wird in Nordfriesland Nord ein Projektmanager finanziert, dessen übergeordnete Aufgabe es ist, die zahlreichen Akteure für die gemeinsame Sache zu motivieren. Null CO2 – das kann nur funktionieren, wenn effizient mit Ressourcen umgegangen wird – und zwar nicht nur bei den Verbrauchern. Kaum eine der bestehenden Biogasanlagen nutzt etwa derzeit die entstehende Wärme. “Es geht darum, gemeinsam über neue Nutzungskonzepte nachzudenken“, sagt Bauer. Zum Beispiel lassen sich Einrichtungen wie Freibäder mit Wärme aus Biogasanlagen heizen. Finden sich Partner zusammen, könnte – so der Plan – die “AktivRegion” ihnen zum Beispiel weitere Fachberatungen finanzieren, um aus Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.

Während auf der einen Seite neue Ansätze zur Energiespeicherung und des Energietransports gefragt sind, sollen regional vorhandene und bisher nicht genutzte Energieträger wie Bioabfälle, Algen oder Grünschnitt für die weitere Entwicklung ebenso ins Kalkül einbezogen werden wie Rüben oder andere Feldpflanzen.

Geplant ist eine enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, zum Beispiel mit Forschern von der FH Flensburg. Auch in punkto Windkraft gibt es Handlungsbedarf. Ein zentrales Entwicklungshemmnis ist laut Bauer die nicht ausreichende Leitungskapazität: “Die erzeugte Menge Windenenergie kann nicht immer vollständig vom Netzbetreiber abgenommen werden.” Auslaufende Verträge mit dem Netzbetreiber sieht sie als Chance der Windmüller auf stärkeren Einfluss beim regionalen Stromnetz.

Rund 110 Kilometer weiter südlich sind die Herausforderungen ähnlich und das Engagement ebenso groß. Dezentrale Energieerzeugung erfordert dezentrale Energieversorger – lautet das Motto in der BioEnergieRegion Burg - St. Michaelisdonn. Auch der Süden Dithmarschens ist Gewinner im Bundeswettbewerb. Unter Federführung von St. Michaelisdonns Bürgermeister Volker Nielsen hat sich die Gemeinde zuletzt immer stärker zum Vorzeigestandort für erneuerbare Energien gemausert. Neu eingerichtet wurde jetzt ein Energiebüro, dessen Leiter Andreas de Vries diese Entwicklung weiter vorantreiben will.

“Der Ausbau der Biomassenutzung ist wesentlicher Bestandteil unseres Konzeptes“, sagt de Vries. Bereits seit zwölf Jahren wird in St. Michaelisdonn Biogas produziert. Die Anlage ist laut Betreiber BEA Dithmarschen GmbH die älteste Großbiogasanlage Norddeutschlands, in der neben Gülle auch andere organische Abfälle, so genannte Co-Fermente, mitverwertet werden. Große Schwäche ist auch hier das Fehlen eines Wärmeabnehmers. Eine Machbarkeitstudie prüft bereits die Wirtschaftlichkeit eines örtlichen Nahwärmenetzes.

Insgesamt sei die regionale Nutzung von Biomasse noch sehr beschränkt, meint de Vries. Das Biomassepotenzial, das ohne Beeinträchtigung der Nahrungs- und Futtermittelerzeugung in der Region verfügbar wäre, werde bisher nur zu einem geringen Teil genutzt. Ein Beispiel ist der Gemüseanbau – ein Markenzeichen Dithmarschens. Beim Verarbeiten von Kohl, Kartoffeln, Möhren und Co. fallen nicht unerhebliche Menge Abfall an, die bisher nicht energetisch verwertet werden.

Mit entsprechenden technischen Lösungen und unter Nutzung aller regional verfügbaren Quellen könnte nach Vorstellung der Förderer die Nutzung der Biomasse um das fünffache gesteigert werden – und zwar ohne Konkurrenz um Flächen mit der Nahrungsmittelproduktion. Beim Ausbau der Windenergie sieht de Vries Schwierigkeiten vornehmlich in der Ausweisung entsprechender Areale und in der Netzkapazität. Ähnliches gilt für neue Photovoltaikanlagen, die auf Freiflächen entstehen könnten. Auch an Kleinwindkraftanlagen wird ge dacht – zum Beispiel, um den Bedarf eines kommunalen Klärwerks zumindest teilweise abzudecken. “Das Energiebüro kann Potenziale aufzeigen und die Akteure unterstützen, zum Beispiel Gemeindewerke oder Genossenschaften zu gründen“, sagt de Vries.

Den Planern in beiden Regionen ist klar, dass sie nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort ihre ambitionierten Ziele erreichen können. Die Innovationsstiftung Schleswig-Holstein, die die Ausarbeitung der regionalen Entwicklungskonzepte bereits finanziell unterstützt hatte, hat die Verantwortlichen zu einer Gesprächsrunde im Juli eingeladen. Neben dem Ideenaustausch können sich konkrete Aufgaben möglicherweise auch gemeinsam lösen lassen – etwa die Untersuchung der Verwertbarkeit von Treibseln aus der Nordsee.

InfoKasten:

BioEnergieRegion Burg - St. Michaelisdonn

Gebiet des Amtes Burg - St. Michaelisdonn im Südwesten Dithmarschens (14 Gemeinden)
Fläche: 153 Quadratkilometer
Einwohner: 16.603, mit Partnerstadt Brunsbüttel knapp 30.000
Geschätzter Energiebedarf (ohne Brunsbüttel):
Elektrische Energie 35.000 MWh/a
Thermische Energie 140.000 MWh/a

AktivRegion Nordfriesland Nord

Nördlicher Teil des Kreises Nordfriesland, die Region erstreckt sich von der deutschdänischen Grenze bis südlich von Bredstedt (50 Gemeinden)
Fläche: 900 Quadratkilometer
Einwohner: rund 60.000

Geschätzter Energiebedarf:
Elektrische Energie rund 156.000 MWh/a
Thermische Energie rund 600.000 MWh/a

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