Innovationsstiftung Schleswig-Holstein

Ab ins Labor! Deutsch-dänische Kooperation führt Schüler und Lehrer an die Biotechnologie heran

Dass sie Spaß am Experimentieren im Labor haben, merkt man bei Ann-Kathrin, Mareike und Patrick auch an Kleinigkeiten. Auf die Schildchen an ihren weißen Kittel haben die Oberstufenschüler der Max-Groth-Schule in Eckernförde hinter ihre Vornamen die Seriennamen geschrieben, die die Hauptdarsteller einer US-amerikanischen Arztserie im TV tragen. Soviel Humor muss sein, und lenkt auch vom konzentrierten Pipettieren nicht ab. Der Kittel gehört zur vorgeschriebenen Schutzausrüstung: Im Schülerlabor an der FH Flensburg finden die Nachwuchsforscher alle Voraussetzungen, um molekularbiologische oder gentechnische Versuche durchzuführen. Zum Beispiel die Polymerase-Kettenreaktion: Damit erzeugen auch Rechtsmediziner einen genetischen Fingerabdruck, um Straftäter zu überführen.

Für solche anwendungsbezogenen Experimente sind herkömmliche Schullabore meist nicht ausgestattet, erläutert Prof. Dr. Helmut Erdmann, Dekan des Fachbereiches Technik der Flensburger Fachhochschule. Zudem fehle es den Lehrkräften an Wissen, wenn es um moderne Verfahren in der Biotechnologie geht, die während ihres Studiums noch nicht bekannt waren. Wie aber kann man Schülerinnen und Schüler an diese Themen heranführen, ihnen erklären, welche Apparate und Techniken in der Wirtschaft verwendet werden oder wie der Arbeitsalltag eines Wissenschaftlers aussieht? Ganz einfach: Mit einem Besuch im Schülerlabor!

Konzentriertes Pipettieren: Mareike Voß, Patrick Jahrmann und Ann-Kathrin Kann (v.l.) von der Max-Groth-Schule in Eckernförde experimentieren im Schülerlabor der FH Flensburg

Konzentriertes Pipettieren: Mareike Voß, Patrick Jahrmann und Ann-Kathrin Kann (v.l.) von der Max-Groth-Schule in Eckernförde experimentieren im Schülerlabor der FH Flensburg

Von dienstags bis donnerstags empfängt Diplombiologin und Laborleiterin Dagmar Lorenz Klassen und Kurse ab der 10. Jahrgangsstufe, um sie meist einen Tag lang bei den speziell auf die Jugendlichen zugeschnittenen Experimenten zu betreuen. Von dem Angebot der FH Flensburg machen Biologielehrer aus dem Norden reichlich Gebrauch. Rund 500 Besucher zählt das Schülerlabor der FH durchschnittlich im Jahr. Manche Schulen nutzen auch ihre Projekttage für einen längeren Abstecher in die Fördestadt. Ziel ist stets, dass die Nachwuchsforscher die Inhalte bereits im Unterricht vor- und dann später auch nachbereiten. Deshalb sind Angebote zur Lehrerfortbildung elementarer Bestandteil des Konzeptes. „Da haben wir ein weites Feld aufgetan“, kommentiert Erdmann das riesige Interesse in der Lehrerschaft an entsprechenden Kursen und Materialien.

Ganz uneigennützig ist das Engagement der Fachhochschule natürlich nicht. Als sie vor sechs Jahren den Studiengang Biotechnologie/Verfahrentechnik erstmals angeboten hat, stand die Hochschule vor dem Problem, an potentielle Absolventen heranzukommen. Denn obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse uns heute im Alltag auf Schritt und Tritt begleiten – etwa in der Zahnpasta, im Joghurt oder in den synthetischen Fasern von Kleidungsstücken – und der Bedarf an gut ausgebildeten Kräften in der Wirtschaft vorhanden ist, ist das Bildungssystem eher klassisch-humanistisch ausgerichtet und nicht speziell auf die Naturwissenschaften. Biotechnologie zum Anfassen im Schülerlabor ist eine Antwort darauf. Die Innovationsstiftung Schleswig-Holstein (ISH) hat den Aufbau des Labors finanziell maßgeblich unterstützt. Weitere Angebote der FH wie ein mobiles Labor, Workshops und Diskussionsforen, Ferienpassaktionen oder Techniktage richten sich ebenfalls speziell an Schülerinnen und Schüler.

Jeder darf mal: Schülerinnen und Schüler des Bio-Leistungskurses arbeiten mit denselben Methoden wie Wissenschaftler

Jeder darf mal: Schülerinnen und Schüler des Bio-Leistungskurses arbeiten mit denselben Methoden wie Wissenschaftler

Um die pädagogischen Qualität des Angebots weiter zu erhöhen, kooperiert die FH Flensburg seit diesem Sommer verstärkt mit der University of Southern Denmark in Odense. „Lab to School“ lautet der Titel des neuen Projektes, das im Rahmen des Förderprogramms Interreg III gefördert wird. Interreg III ist eine Gemeinschaftsinitiative des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) für die Zusammenarbeit zwischen den Regionen der Europäischen Union. Auch die ISH unterstützt die konzeptionelle Erweiterung.

„Was interessiert junge Leute, wie lernen junge Leute? Aus Antworten auf diese Fragen wollen wir Materialien für das Schülerlabor entwickeln“, erläutert Claus Michelsen, geschäftsführender Direktor am Center für Science and Mathematics Education der Uni Odense. Dass das Interesse an den Naturwissenschaften rückläufig sei, sei auch in Dänemark und anderen Industrienationen zu beobachten. In Odense beschäftigen sich 9 Wissenschaftler mit didaktischen Fragen: Wie kann Wissen, wie können notwendige Kompetenzen vermittelt werden, damit die Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler im Labor machen, nicht zur Eintagsfliege verkommen. Wichtig sei, Naturwissenschaften nicht nur als Produkt zu begreifen, sagt Michelsen. Der Enzwicklungsprozess und die Bedeutung für die Gesellschaft müssten genauso betrachtet und diskutiert werden.

Exemplarische Unterrichtseinheiten wollen die Projektpartner in deutscher, dänischer und englischer Sprache entwickeln. Schülergruppen aus Dänemark können nach ihren Vorstellungen das Flensburger Schülerlabor ebenso aufsuchen wie deutsche Kurse ähnliche Einrichtungen auf dänischer Seite. Das mache deshalb Sinn, weil die Uni Odense Kontakt zu dänischen Schülerlabors mit biophysikalischer Ausrichtung hat, während in Flensburg die Biotechnologie im Vordergrund stehe. So ergänzen sich die Angebote in den Augen der Beteiligten sehr sinnvoll. Aber auch die Weiterbildungsangebote für die Lehrer sollen mit „Lab to School“ eine neue Qualität erhalten. Weiteres Ziel ist der Ausbau der Kontakte zur Industrie, zu naturwissenschaftlichen Museen und zur angewandten Forschung. Und auch eine neue Datenbank für die Schülerinnen und Schüler ist im Rahmen des Projektes geplant.

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