Innovationsstiftung Schleswig-Holstein

Fischwissenschaftler beziehen neues Zuhause

Der erste Fisch schwimmt im Becken: In einer Feierstunde hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen gemeinsam mit den Gesellschaftern und rund 100 Gästen die neue Forschungsanlage des Kompetenzzentrums Marine Aquakultur in Büsum (Kreis Dithmarschen) eingeweiht. In der vom Land Schleswig-Holstein geförderte Forschungs- und Entwicklungsanlage werden sich künftig Agrar- und Ernährungswissenschaftler, Verfahrenstechniker und Biologen mit der Aufzucht von Wasserorganismen in geschlossenen Kreislauf-Systemen befassen. Die drei Gesellschafter egeb:Wirtschaftsförderung, Innovationsstiftung Schleswig-Holstein (ISH) und Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel erhoffen sich davon zukunftsweisende Erkenntnisse. Schon heute stammt mehr als jeder dritte Speisefisch aus Aquakulturen.

„Mit dieser bundesweit einmaligen Initiative wird Schleswig-Holstein führender Standort in der Erforschung der Marinen Aquakultur“, sagte Ministerpräsident Carstensen. Den 4,7 Millionen Euro teuren Neubau teilt sich die GMA mit dem im April eröffneten Gründer- und Technologiezentrum mariCUBE des Kreises Dithmarschen. Er ist in unmittelbarer Nachbarschaft zum Forschungs- und Technologiezentrum Westküste entstanden, das als Einrichtung der Uni Kiel seit 1988 Grundlagenforschung betreibt.

Wasser plätschert, Steinbutt und erste andere Fischarten schwimmen in kleineren und größeren Bottichen: Langsam füllt sich die Forschungsanlage der GMA mit Leben. „Eine vergleichbare Einrichtung muss man in Deutschland suchen“, schwärmt Prof. Dr. Carsten Schulz, der als Inhaber der 2007 neu geschaffenen Professur für Marine Aquakultur an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Kieler Universität den Aufbau begleitet hat. Die Stelle des wissenschaftlichen Leiters fördert die ISH bis zum Jahr 2012 mit einer halben Million Euro.

Wissenschaftler und Verfahrenstechniker haben sich zum Ziel gesetzt, die bestehenden Kreislauf-Systeme weiter zu optimieren, um Fische unabhängig vom Wetter und anderen Umwelteinflüssen „schnellstmöglich zur Speisegröße heranwachsen zu lassen“, erläutert Schulz. Die Forschungsanlage arbeite dabei umweltverträglich: Das Salzwasser werde der Nordsee entnommen, Abwässer fielen durch mechanische und biologische Reinigung kaum an. Hinzu kommt der Einsatz von Geothermie. „Die Flexibilität, die uns hier zur Verfügung steht, ist einzigartig.“

Neben der Aufzucht von sehr anspruchsvollen Fischen ist in Büsum auch die Kultur von Algen und Krebstieren möglich. Zur Simulation verschiedenster Umweltbedingungen stehen den Wissenschaftlern in der 750 Quadratmeter großen Halle drei Fischhaltungssysteme mit bis zu 30 Kubikmeter Wasser fassenden Becken und fünf Kleinkreisläufe zur Verfügung. Diese eignen sich für die Erforschung von Ernährungs-, Reproduktions- und Züchtungsstrategien. Angeboten werden auch Büro-, Konferenz- und Laborräume.

Vor dem Hintergrund sinkender Fischbestände und dem damit verbundenen Rückgang an Fischmehlen beschäftigen sich die Forscher in einem der insgesamt 16 Teilprojekte mit der Aufzucht von Forellen und Steinbutt durch Rapsproteine. Eingesetzt wird ein Schrotextrakt aus der Biodiesel-Produktion. „Fischmehle sind eine endliche Ressource, die Preise werden in die Höhe schnellen“, sagt Schulz. „Wir untersuchen, ob die Fische alternative Proteinquellen vertragen.“ Um die Haltungssysteme zu verbessern, werden die Wissenschaftler in einem anderen Projekt den Kot der Meerestiere sammeln, um die Verdauung von Futtermitteln erforschen zu können.

„Fish-farming“, wie die Marine Aquakultur auch genannt wird, ist ein in Deutschland in der Forschung bislang stiefmütterlich behandeltes Fachgebiet. „Wir sehen hier eine für die Welternährung immer wichtiger werdende Produktionsform mit immensem Forschungsbedarf und zugleich auch ein Potenzial für Anwendungen in Schleswig-Holstein“, sagt Prof. Dr. Hans-Jürgen Block, ISH-Vorstand und Vorsitzender des Aufsichtrates der GMA. „Deshalb finanzieren wir die Stiftungsprofessur und engagieren uns für den Betrieb der Forschungs- und Versuchsanlage in Büsum. Hier wird das Studium an der Christian-Albrechts-Universität praktisch!“

Das Konzept der nicht kommerziell ausgerichteten GMA steht auf mehreren Säulen. Die Gesellschaft stelle öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen nicht nur modernste Anlagen zur Verfügung, sondern werde auch selbst Forschung betreiben. „Ob Tierzucht, Ökologie oder Ökonomie: Es gilt, interdisziplinär zu arbeiten“, sagt GMA-Geschäftsführer Dr. Guido Austen. „Die Wissenschaftler werden von Fischen lernen.“ Langfristiges Ziel des Leitprojektes der Landesinitiative „Zukunft Meer“ sei der gemeinsam mit dem mariCUBE geplante Aufbau eines Netzwerkes für die blaue Biotechnologie, um einen schnellen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu ermöglichen. Fächerübergreifende Kooperationen mit der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Kiel, der Fachhochschule Flensburg oder dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR sollen den jungen Forschungs- und Wirtschaftszweig im Land zwischen den Meeren voran bringen.

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